Der Turm muss weg! Gemeinde muss Turm der Stadtkirche abreißen und Neues bauen.

Erstellt am 26.03.2018

Brilon. Großes Interesse, leises Entsetzen, aber auch viel Verständnis lag auf den Gesichtern der über 30 Gemeindeglieder, die die Gemeindeversammlung am Sonntag vor Ostern besuchten. Pfarrer Rainer Müller, Vorsitzender des Presbyteriums der Ev. Kirchengemeinde, informierte über die Zukunft des Kirchturms. Er prägt seit 1922 das Stadtbild Brilons. „Sie gehören zur Generation, die den Abbruch des Turmes miterleben wird“, sprach Müller die Versammelten an, nachdem er ihnen alle Details zum Zustand des Turms erklärt hatte.
Mitglieder der oberen und unteren Denkmalbehörde, zwei Fachingenieure und die Bauspezialisten des Kirchenkreises Arnsberg und der Ev. Kirche von Westfalen hatten den Mitgliedern des Presbyteriums eindrücklich klar gemacht, dass es für den Turm keine Alternative zum Abriss gebe. Er ist aus Steinen gebaut, die aufgrund ihrer Eigenschaften nicht dazu geeignet sind und nicht über genügend Druckfestigkeit verfügen. Die Bossierung, eine Bearbeitung der Steine, hat sie zusätzlich vorgeschädigt und Risse erzeugt. Der Fugenmörtel hat keine Anhaftung an den Steinflächen. Dadurch kann Regenwasser in den Turm eindringen. Gleichzeitig drohen Brocken des Fugenmaterials aus den Fugen herauszufallen. Der Mauermörtel ist in seiner Zusammensetzung falsch zusammengemischt worden und völlig mürbe geworden. Dadurch hat er seine eigentliche Funktion, die Steine in einem festen Verband zu halten, verloren. „Im Grunde steht da eine feuchte Trockenmauer“, so Pfarrer Müller. All das hat zur Folge, dass es zu massiven Salz – und Gipsbildungen gekommen ist, die langfristig durch Ausdehnung im Mauerwerk Sprengkraft aufbauen. Aktuell ist der Turm aufgrund seines Eigengewichts nicht einsturzgefährdet. Allerdings ist das im Turm verbaute Holz der Glockenstube und des Glockenstuhls durch Pilzbefall angegriffen.
Dem Presbyterium bleiben nur drei Handlungsschritte: Zunächst muss der Turm eingenetzt werden, um Passanten vor Steinschlag zu schützen. Bei der Denkmalbehörde muss eine Abrissgenehmigung des denkmalgeschützten Turms beantragt werden. Danach kann in einem Architektenwettbewerb erarbeitet werden, was an Stelle des abgerissenen Turms an die Stadtkirche angebaut werden kann.
„Ich hatte wacklige Knie, nachdem ich das von den Fachleuten gehört habe“, gab Müller vor den Gemeindegliedern zu. „So einen historischen Schritt habe ich nie vorgehabt zu gehen. Die Kirche sanieren wollte ich immer gerne, aber den Turn abreißen, der seit fast 100 Jahren zum Stadtbild gehört,…?“ Tiefe Betroffenheit war ihm abzuspüren. Burkhard Lamotte sprach für das ganze Presbyterium: „Wir haben uns es nicht leichtgemacht mit dieser Entscheidung, aber die Ergebnisse der Fachleute lassen einfach nichts anderes zu.“
Aus der Gemeinde kamen traurige Rektionen und Vorschläge, zumindest das noch gut erhaltene Schieferdach des Turms in einen neuen einzubauen oder den Turm so wieder aufzubauen, wie man ihn gewohnt ist. Ganz wichtig war vielen, dass die Glocken, von denen heute schon eine wegen der bedrohten Stabilität des Turms stillgelegt wurde, in einem neuen Bauwerk wieder erklingen.
Einige griffen Müllers Gedanken von „der Chance in der Krise“ auf:  Müller zeigte ein Bild von der ursprünglichen Stadtkirche im 19. Jahrhundert: ein Schinkelscher Hallenbau mit Dachreiter. Der Turm wurde erst fast 70 Jahre später angebaut. „Wir haben die Chance, durch den Abriss wieder an die ursprüngliche Gestalt der Kirche heranzukommen und daraus etwas zu schaffen. Michael Paulini, Briloner Pfarrer i.R., erinnerte daran, dass der Turm beim Bau schon einmal aufgrund falschen Mörtels eingestürzt sei.
Dringend angemahnt wurde aus der Gemeinde, die übrige Kirche auf ähnliche Wasserschäden untersuchen zu lassen und aufgrund der städtebaulichen Bedeutung des Turms Landes-oder Bundesfördermittel einzuholen. Müller stimmte zu und informierte: „Mit Architekt Dirk Pieper vom Kreiskirchenamt haben wir einen Fachmann an unserer Seite, der sich mit Zuschüssen auskennt.“
„Das Presbyterium hofft, bis Ende 2018 das Ergebnis des Wettbewerbs vorliegen zu haben und Anfang 2019 die Handwerker zu beauftragen. „Leider wird die Kirche nicht bis zu den Hansetagen 2020 renoviert sein“, gab Müller zu bedenken. Die schon konzeptionell und finanziell geplante Innensanierung der Kirche, die auch eine vollständige Renovierung der Orgel umfasst, muss  bis  zur Findung einer „Turm-Perspektive“ aufgeschoben werden. Das Presbyterium hofft, dass 2021 die Sanierung der Kirche beendet wird. Müller dankte am Ende der Versammlung den Gemeindegliedern: „Es tut gut, all das mit mehreren Menschen zu teilen.“ KKB